Pirateriequoten bei Videospielen

Problemstellung

Das Ziel dieser im Rahmen einer Produktbewerbung erstellten Untersuchung im Jahr 2006 war die Ermittlung einer allgemeinen Pirateriequote der verkauften GameBoy Videospiele und ausgewählter Spieltitel bei eBay.de.

Der GameBoy Advance (GBA) wurde von der Firma Nintendo in seiner ersten Hardwareversion im Jahr 2001 herausgegeben, dessen Spiele in Form von Steckmodulen ebenfalls auf dem seit Ende 2004 erhältlichen Nintendo-DS gespielt werden können.

Die Fälschungen der GameBoy Advance Spiele wurden professionell oftmals inclusive Verpackung und Handbuch hergestellt. Die Produktionsstätten lagen u.a. in China und Lateinamerika. Nach Deutschland gelangten die Plagiate hauptsächlich über organisierte Vertriebswege aus der Tschechischen Republik und über die internationalen Häfen. Neben den Wochen- und Flohmärkten wurden die Plagiate überwiegend von kleineren Einzelhändlern und gewerblichen Verkäufern auf den Onlinemärkten angeboten.

Durchführung

Für die Untersuchung wurden die Auktionen in der eBay.de Kategorie „PC- & Videospiele, Nintendo GameBoy Advance“ dokumentiert. Andere Kategorien, in denen ebenfalls GBA Produkte angeboten wurden, sind nicht berücksichtigt worden. Die erfassten Auktionen wurden anhand der Artikelbeschreibung, der beinhaltenden Abbildungen und des Verkäuferprofils in drei Klassen eingeteilt:

  1. Auktionen mit einem (oder mehreren) original GameBoy Advance Spiel,
  2. Auktionen mit einer (oder mehreren) offensichtlichen Fälschung eines Spieltitels
  3. Auktionen, welche aufgrund fehlender Zusatzinformationen nicht nach 1. oder 2. eingeteilt werden konnten.

In der dritten Kategorie wurden ebenfalls Auktionen gelistet, bei denen ein oder mehrere originale und gefälschte Spieltitel gleichzeitig in einer Auktion angeboten wurden oder die Auktion ein zusätzliches Nicht-Spiel-Produkt beinhaltete. Bei beiden war eine alleinige Zuteilung des endgültigen Verkaufspreises auf das original Spiel bzw. das Plagiat nicht möglich.

Projektergebnisse A

Im ersten Teilabschnitt dieser Studie wurden 1021 Auktionen erfasst, welche ein reguläres Angebotsende zwischen dem Mittwoch und Donnerstag (22.03.2006 11 Uhr bis 23.03.2006 24 Uhr) aufwiesen. In diesem Zeitraum wurden insgesamt 1360 GameBoy Advance Spiele angeboten, davon sind 721 Spiele verkauft worden.

Bei den verkauften Spielen handelte es sich zu 60,7% um eine Fälschung und zu 36,0% um ein originales Spiel. Die illegalen Produkte wurden mit einem Durchschnittspreis von 11,66 EUR verkauft. Der mittlere Preis der originalen Spiele lag bei 13,80 EUR.

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Im zweiten Teilabschnitt sind im Zeitraum vom Samstag bis Sonntag (25.03.2006 11 Uhr bis 26.03.2006 24 Uhr) insgesamt 1777 Auktionen dokumentiert worden. In diesem Zeitraum standen 2388 GameBoy Advance Spiele zum Verkauf. Die Anzahl der originalen Produkte hat sich aufgrund der höheren Anzahl privater Verkäufer mehr als verdoppelt, wogegen sich die Anzahl der angebotenen Plagiate nur um ein Zehntel erhöhte. Insgesamt wurden an diesem Wochenende 1510 GBA Spiele verkauft, davon waren 43,6% offensichtliche Fälschungen, welche einen Durchschnittspreis von 12,49 EUR erzielten (Originale 13,62 EUR).

 

Projektergebnisse B

Es gab deutliche Unterschiede in der Anzahl der verkauften Fälschungen zwischen den einzelnen Spieltiteln, wie im folgenden Abschnitt dargestellt wird. Hierbei wurden alle Angebote von ausgewählten Spielen in dem Zeitraum vom 23.03.2006 bis zum 29.03.2006 aufgenommen und nach den o.g. Klassen eingeteilt. Zusätzlich sind die Spieltitel in einem zweiten Auktionszeitraum, vom 20.06.2006 bis zum 27.06.2006 erneut dokumentiert worden, um eine Veränderung der Fälschungsquote zu ermitteln.

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Madagascar – Operation Pinguin (Activision)
Im Untersuchungszeitraum des März 2006 wies dieses Spiel eine Pirateriequote von 87,9% auf, welche bis Juni auf 76,9% gesunken war. Dies lag vor allem an der um etwa zwei Drittel zurückgegangenen Anzahl der verkauften Plagiate. Der Durchschnittspreis der Fälschungen lag im Juni bei 8,92 EUR und hat sich im Vergleich zum März nur leicht geändert (8,42 EUR).

Madagascar (Activision):
Obwohl dieses Spiel einige Monate älter als „Operation Pinguin“ war, schien die Nachfrage nach diesem Spiel noch anzuhalten. Zwar hat auch hier die insgesamte Anzahl der Angebote abgenommen, die Zahl der verkauften Fälschungen blieb jedoch etwa gleich. Die Pirateriequote lag im März 2006 bei 90.9% und ist bis Juni 2006 leicht auf 92,7% angestiegen. Der Durchschnittspreis der Fälschungen lag im Juni bei 11,33 EUR und im März bei 11,50 EUR.

Need for Speed – Most Wanted (Electronic Arts):
Bei einer Pirateriequote von 90,1% wurden in der untersuchten Märzwoche 73 Plagiate zu einem Durchschnittspreis von 13,65 EUR verkauft. Die Anzahl der illegalen Angebote ist auch bei diesem Spiel um etwa ein Drittel im Juni 2006 zurück gegangen, jedoch ist die Anzahl der verkauften Fälschungen gestiegen. Die Pirateriequote stieg im Juni auf 93,3%, wobei der durchschnittliche Verkaufspreis auf 11,26 EUR gesunken war.

FIFA 2006 (Electronic Arts):
Die Pirateriequote dieses Spieltitels war von 92,9% im März auf 96,0% im Juni angestiegen. Damit wies dieses Spiel in der untersuchten Juniwoche die höchste Quote auf. Die Zahl der illegalen Auktionen ging auch bei diesem Spiel zurück, was mit dem Erscheinen des Nachfolgers „FIFA Weltmeisterschaft 2006“ begründet war. Der mittlere Verkaufspreis der Plagiate lag im März 2006 bei 15,62 EUR und war im Juni 2006 auf 11,58 EUR deutlich gesunken.

King Kong – Das offizielle Spiel zum Film (Ubisoft Entertainment):
Die Anzahl der Auktionen mit diesem Spiel hatte sich von März bis Juni 2006 fast halbiert. Der durchschnittliche Verkaufspreis war von 7,91 EUR auf 10,09 EUR angestiegen, die Anzahl der verkauften Fälschungen war dabei um über 80% zurück gegangen. Die Pirateriequote sank von 92,5% auf 66,7%.

Himmel und Huhn – Chicken Little (Buena Vista Games):
Einen ebenfalls deutlichen Rückgang bei der Anzahl der Fälschugen war bei diesem Spiel zu erkennen. Im Juni 2006 sind etwa zwei Drittel weniger Plagiate angeboten und verkauft worden als noch im März. Da sich jedoch die Anzahl der veräußerten original Spiele nicht verändert hatte, ist die Pirateriequote nur um einige Prozentpunkte von 94,1% auf 88,5% zurückgegangen.

Mario Kart Super Circuit (Nintendo):
Als Dauerrenner der Fälschungen galt wohl dieser Spieltitel. Seit 2001 im Handel erhältlich, war dieses Spiel bei eBay.de ein ungebrochener Verkaufsschlager und gehörte zum Standardrepertoire jedes Plagiatverkäufers. Die Anzahl der verkauften Fälschungen ist im Juni 2006 um ein Fünftel zurückgegangen, was bei diesem Spiel eher als normale Schwankung zu sehen war. Der durchschnittliche Verkaufspreis der Plagiate lag im Juni bei 11,84 EUR bei einer Raubkopiequote von 60,8%.

Pokemon Smaragd Version (Nintendo):
Für dieses Spiel wurden zum Zeitpunkt der Studie mit Abstand die meisten Fälschungen veräußert. In der Woche im Juni 2006 wurden alleine 190 verkaufte Plagiate dokumentiert, was ein Anstieg von 65% gegenüber dem März 2006 betrug. Mit einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 22,79 EUR (22,89 EUR im März) erzielten diese Fälschungen im Vergleich mit anderen Plagiaten Höchstpreise. Die extrem hohe Popularität und anhaltend hohe Nachfrage ließ die Pirateriequote bei diesem Spieltitel von 79,3% auf 83,3% ansteigen.

The Legend of Zelda – Minish Cap (Nintendo):
Im Handel als Original seit Ende 2004 erhältlich, wies dieses Spiel in März 2006 nur eine geringe Pirateriequote von 22,9% auf. Im Juni waren jedoch mehrere Verkäufer aktiv, welche eine höhere Anzahl von Raubkopien dieses Spiels angeboten und auch verkaufen konnten. Somit stiegt die Pirateriequote auf 57,9% an. Der Verkaufspreis der Plagiate war dabei von 13,93 EUR auf 12,57 EUR gesunken.

 

Fazit

Bei den untersuchten Spieltiteln fiel auf, dass die Anzahl der verkauften original Spiele vergleichsweise gering war (vgl. Tabelle). Es gab zwar eine Reihe von gewerblichen Händlern bei eBay, welche die Originale zu handelsüblichen Preisen bei eBay in Sofortkaufauktionen anboten. Jedoch konkurierten diese Shops mit den gewerblich handelnden Verkäufern der gefälschten Produkte.

Da das Wissen über die Existenz der GameBoy Advance Fälschungen sehr gering war, nahmen die Käufer die offensichtlich günstigeren Angebote wahr. Während z.B. ein Händler von 10 angebotenen original Spielen zu einem Preis von 35,99 EUR nur ein Spiel veräußern konnte, verkaufte ein Plagiathändler 9 von 10 Spielen des gleichen Titels zu einem Preis von 9,99 EUR.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigten, dass die GameBoy Advance Fälschungen bei eBay.de keinesfalls nur ein geringes oder temporäres Phänomen waren. Die Verkäufer der Plagiate waren dabei auf dem neuesten Stand. Während Spiele wie „Madagascar Operation Pinguin“ oder „Himmel und Huhn“ deutlich weniger Verkäufe erzielten, stiegen die Verkaufszahlen neuerer Spieltitel wie z.B. „Ice Age 2“ (Vivendi Games) oder „Disney’s Kim Possible 2“ (Disney Interactive). Gewerbliche Händler erwirtschafteten mit den Fälschungen von GameBoy Advance Spielen monatlich mehrere Tausend Euro, teilweise ließen sich sogar Umsätze bis zu Zehntausend Euro nachweisen.

Pirateriequoten bei Videospielen